Gesund durch den Spätsommer und Herbst

Liebe Qi Gong- und Taiji-Interessierte
Liebe Freunde der inneren Kultivierung

Die Tage um den 7. und 8. August markieren nach dem chinesischen sogenannten Bauernkalender den Herbstanfang (Liqiu). Die weiteren, jeweils 15 Tage dauernden Abschnitte des Herbstes sind Chushu (Ende der Hitze), Bailu (Weisser Tau), Qiufen (Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche), Hanlu (Kalter Tau) und schliesslich, Ende Oktober bis Anfang November, Shuangjiang (Fallender Reif).

Im System der fünf Wandlungsphasen (Wu Xing) geht dem eigentlichen Herbst noch der Spätsommer als fünfte Jahreszeit voraus; er entspricht in etwa dem Monat August und ist durch das Element Erde und die Farbe Gelb bestimmt, durch die Reifephase des Getreides und der Früchte. Im I Ging entspricht dem Erd-Element das Trigramm Kun („das Empfangende“, Mutter Erde als die Nährerin des Lebens; dem Südwesten zugeordnet). Gemäss TCM sollte in dieser Übergangsjahreszeit dem Verdauungssystem, namentlich den Organen Milz(-Pankreas) und Magen besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Im Huangdi Nei Jing heisst es:

In der [Jahres-]Mitte finden wir Feuchtigkeit, die die Erde nährt und befeuchtet, so dass sie fruchtbares Land bilden kann. In der Zeit zwischen Sommer und Herbst, im Spätsommer, reifen die Früchte und werden gelb. Reife Früchte sind süss und können das Milz-Qi nähren, das dann seinerseits Muskeln und Fleisch nährt. (…) Pathologische Trübheitszustände weisen auf ein Ungleichgewicht in der Milz hin; Grübeln und Sorge treten auf. Übermässige Sorge erschöpft das Milz-Qi, aber Zorn kann die Sorge zügeln.

(Zitiert nach Maoshing Ni: Der Gelbe Kaiser. Das Grundlagenwerk der Traditionellen Chinesischen Medizin. Frankfurt a.M. 1998.)

Etwa mit dem Jahresabschnitt „Weisser Tau“ ab 7./8. September könnte man den Beginn des eigentlichen Herbstes ansetzen. Er ist bestimmt durch das Element Metall und die Farbe Weiss, durch den Vorgang des Welkens, der zeigt, dass das Yang schwächer wird und die Yin-Kräfte erstarken. Im I Ging entsprechen dem Metall-Element die Trigramme Dui („das Heitere“, der See; Yin-Aspekt, dem freundlichen Mittherbst und dem Westen zugeordnet) und Qian („das Schöpferische“, der Himmel; Yang-Aspekt, dem strengen Spätherbst und dem Nordwesten zugeordnet). Gemäss TCM sollte in dieser Jahreszeit den Organen Lunge und Dickdarm besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Im Huangdi Nei Jing heisst es:

In den drei Monaten des Herbstes kommen alle Dinge in der Natur zu voller Reife. Das Korn wird geerntet, die Energie des Himmels kühlt ab, so wie auch das Wasser. Der Wind beginnt sich zu regen. Das ist der Angelpunkt, an dem die Yang-Phase, die aktive Phase, ins Gegenteil, in die Yin-, die passive Phase, umschlägt. Ihr solltet Euch mit dem Sonnenuntergang zurückziehen und in der Morgendämmerung aufstehen. So wie das Wetter im Herbst unwirtlicher wird, so verändert sich auch das emotionale Klima. Deswegen ist es wichtig, Ruhe und Frieden zu bewahren und nicht in Depressionen zu verfallen, denn nur so kann der Übergang zum Winter reibungslos verlaufen. Es ist die Zeit, Geist und Energie zu sammeln, sich auf weniges zu konzentrieren und die Begierden im Zaum zu halten. Ihr müsst die Lungen-Energie in Fülle, rein und ruhig halten, das heisst Atemübungen durchführen, und Kummer, der Emotion der Lunge, aus dem Weg gehen, um das Lungen-Qi zu stärken.

(Ebda.)

Übungen im Spätsommer

  • Die 10., 17. und 18. der „Taiji-ähnlichen Qi Gong-Übungen in achtzehn harmonischen Figuren“ (Shibashi): Wolkenhände; Mit einem Ball spielen wie ein Kind; Beruhigen des Qi
  • Die 3. der acht Brokatübungen (Ba Duan Jin): Die Arme einzeln hochheben, den Himmel stützen und die Erde stemmen, um Milz und Magen zu stärken
  • Milz-Übung aus dem Set Sechs heilende Laute
  • Meditation: Inneres Lächeln mit Aufmerksamkeit im Bereich des Nabelzentrums
  • Massage von Milz und Magen: mit übereinander gelegten Händen die linke Seite des Bauches zwischen Flanke und Nabelgegend sanft horizontal reiben
  • Akupressur von MA 36 Zusanli („Drei Längen zum Fuss“, vier Fingerbreit unterhalb der Unterkante der Kniescheibe auf dem Muskel neben der äusseren Kante des Schienbeins, an beiden Beinen)
  • Yang-Stil-Taiji Quan nach Chu King Hung (ITCCA): 1. Teil („Erde“) der langen 3-teiligen Hand-Soloform – achtsames Üben speziell „erdender“ Figuren wie Der Affe weicht zurück (im 2. und 3. Teil), Die Schlange kriecht nach unten (3. Teil)

 

Übungen im Herbst

  • Die 2. und 7. der „Taiji-ähnlichen Qi Gong-Übungen in achtzehn harmonischen Figuren“ (Shibashi): Öffnen und Erweitern des Brustkorbs; Mit einer Hand die Sonne heben
  • Die 1. der acht Brokatübungen (Ba Duan Jin): Mit beiden Händen den Himmel stützen, um den Dreifachen Erwärmer zu regulieren
  • Lungen- sowie Dreifacher-Erwärmer-Übung aus dem Set Sechs heilende Laute
  • Meditation: Inneres Lächeln mit Aufmerksamkeit in beiden Lungenflügeln; dasselbe hernach in den Abschnitten des Dickdarms
  • Sanfte Klopfmassage der Lungenflügel jeweils mit der flachen Hand der gegenüberliegenden Seite
  • Massage des Dickdarms: mit übereinander gelegten Händen in grossen Kreisen 9- bis 12-mal von der Blinddarmgegend aus (an der rechten Seite des Unterbauches) um den Bauchnabel streichen – bei Verstopfungsneigung im Uhr-, bei Durchfallneigung im Gegenuhrzeigersinn
  • Akupressur von LU 1 Zhongfu („Mitten im Amtssitz“, zwei Fingerbreit unter dem Schlüsselbein in der Mulde zwischen Brustmuskel und Schulter, an beiden Seiten der Thorax-Vorderwand); von REN 17 Shanzhong („Brustmitte“, Meisterpunkt der Atmungsorgane, auf der Mitte des Brustbeins); von DI 11 Quchi („Teich in der Biegung“, in der Vertiefung, die bei gebeugtem Arm am aussenseitigen Ende der Beugefalte des Ellbogens entsteht, an beiden Armen
  • Yang-Stil-Taiji Quan nach Chu King Hung (ITCCA): Yin-Yang-Form mit Vertiefung der natürlichen Bauchatmung (yin: ein, yang: aus)

 

Ernährung im Spätsommer

  • Kalte Getränke, Eis, Süssgetränke, Süssigkeiten und zuviel Rohkost und Milchprodukte schwächen das Milz-Qi, erzeugen Schleim und lassen den Körper „versumpfen“; die Folgen sind Verdauungsbeschwerden, Übergewicht, Mattigkeit, Antriebsschwäche und rheumatische Erkrankungen.
  • In China und in vielen orientalischen Ländern wird auch in der warmen Jahreszeit Tee und heisses Wasser getrunken – so bleibt das „Magenfeuer“ intakt.
  • Früchte, im Spätsommer v.a. die gelben, aber auch Mais, Hirse, Karotten und Süsskartoffeln stillen auf natürliche und gesunde Weise das Bedürfnis nach Süssem.
  • Gewürze wie Ingwer, Zimt und Kümmel wärmen den Körper und fördern die Verdauung.  

 

Ernährung im Herbst

  • Gemüse von weisser Farbe wie Rettich, Meerrettich, Radieschen, Frühlingszwiebel, Lauch, Zwiebel und Gewürze wie Chili, Pfeffer, Knoblauch unterstützen mit ihrer Schärfe das Metall-Element (Lunge, Dickdarm).
  • Zuviel scharfe Gewürze zerstreuen das Qi; bei Anzeichen einer Erkältung jedoch öffnen sie die Poren und fördern das Schwitzen.

 

Heilpflanzen

  • Schafgarbe (Achillea millefolium, Blüten und Kraut) bei Milz-Qi-Mangel, z.B. Verdauungsbeschwerden, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Magen- und Unterleibskrämpfen; innerlich als Tee oder Tinktur
  • Gelber Enzian (Gentiana lutea, Wurzel) zur Magenstärkung bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen, Übelkeit, Gastritis sowie Müdigkeit und Schwäche der Muskulatur; innerlich als Pulver, Tinktur oder Heilwein
  • Efeu (Hedera helix, Blätter) bei Schwäche des Lungen-Qi und des Wei Qi (Abwehr-Qi), z.B. fiebrigen Erkältungen, hartnäckigem Husten und Schnupfen, Rachen-, Kehlkopfentzündung, Bronchitis, Asthma; innerlich als Tinktur
  • Ruprechtskraut (Geranium robertianum, Blüten und Kraut) bei Nässe-Hitze im Dickdarm und Schwäche des Wei Qi, z.B. chronischen Entzündungen im Magen-Darm-Trakt, chronischem Durchfall, Hauterkrankungen, erhöhter Infektanfälligkeit durch Lymphbelastung, zur Ausleitung von Giften und Schwermetallen; innerlich als Tee oder Tinktur