Was ist Qi Gong?

Nach chinesischem Verständnis ist Qi (ausgesprochen: tschi) die allem Lebendigen, ja dem ganzen Kosmos innewohnende Urkraft. Im menschlichen Körper ist Qi in den Nieren gespeichert, die Lunge nimmt es durch die Atmung auf, die Milz gewinnt es aus der Nahrung. In einem verzweigten Netz von Energiekanälen – den Akupunktur-Meridianen der chinesischen Medizin – sowie in den Nervenbahnen und Blutgefässen strömt das Qi durch den ganzen Körper, versorgt die Organe und Gewebe, stärkt die Lebensfunktionen.

Seit alters werden in China, ergänzend zu den anderen traditionellen Methoden der Gesundheitspflege und Medizin, Gymnastik-, Atem- und Konzentrationsübungen angewendet, die dazu beitragen, dass das Qi aus Atemluft und Nahrung besser aufgenommen und im Körper verteilt werden kann und das gespeicherte Qi genährt und veredelt wird. Für die Daoisten des Altertums – die Anhänger des grossen Mystikers und Weisen Laozi (5. Jh. v.Chr.) und seiner Lehre vom Dao, der Harmonie zwischen Mensch und Kosmos – waren eine leichte, mühelose und zugleich tiefe Atmung, eine lockere und doch aufrechte Körperhaltung, geschmeidige Glieder und ein wacher, gesammelter, ungetrübter Geist die Voraussetzungen für ein langes, gesundes Leben, ja sogar für den Weg zur Unsterblichkeit.

Die Sammelbezeichnung Qi Gong (ausgesprochen: tschi gung; wörtlich: „regelmässiges Üben mit der Lebensenergie“) ist erst seit etwa siebzig Jahren gebräuchlich. Sie umfasst eine Vielzahl von meist bedeutend älteren, über Jahrhunderte erprobten und verfeinerten Übungssystemen. Der Grossteil entstammt den Traditionen der zahlreichen daoistischen Schulen und Sekten sowie dem Behandlungsrepertoire berühmter daoistischer Ärzte, ein Teil aber auch den Trainingsprogrammen von Kampfkunstschulen sowie Praktiken, die in buddhistischen Klöstern gepflegt wurden. Qi Gong-Übungen werden teils in Bewegung und mit Einsatz des Atems, teils ruhig stehend oder sitzend in einem Zustand tiefer Entspannung und Konzentration ausgeführt. Je nach ihrem Ursprung sind einige mehr auf Gesundheitspflege und therapeutische Effekte, andere mehr auf die Kampfkünste ausgerichtet; wieder andere nähern sich stark der Meditation an.

Bekannte Qi Gong-Systeme

Zu den bekannteren unter den zahlreichen medizinisch-heilgymnastischen Übungsreihen gehören

  • Wu Qin Xi („Kunst der fünf Tiere“), das älteste noch vollständig überlieferte Qi Gong, eine Folge von kräftigenden Gymnastikübungen, die der bedeutende Arzt Hua Tuo (ca. 140-220 n.Chr., östliche Han-Dynastie) aus den charakteristischen Bewegungen von Tiger, Hirsch, Bär, Affe und Kranich entwickelt hat;

  • Liu Zi Jue („Sechs heilende Laute“), erstmals erwähnt in einer Schrift des Daoisten Tao Hongjing (456-536 n.Chr.), Atemübungen zur Energiereinigung, bei denen unterschiedliche Zisch- und Hauchlaute ohne Einsatz der Stimmbänder artikuliert werden, deren Schwingungen heilkräftig auf die inneren Organe wirken;
  • Ba Duan Jin („Acht edle Brokatstücke“), eine Folge von acht hocheffizienten Dehn- und Aufwärmübungen mit präziser Atemregulierung, ursprünglich von einem General der Song-Dynastie im 12. Jh. n.Chr. für seine Soldaten entwickelt;
  • Chan Mi Qi Gong, ein aus buddhistischer Tradition stammendes mehrstufiges Übungssystem, dessen Bewegungsformen in erster Linie die Elastizität und Durchlässigkeit der Wirbelsäule fördern, von der Wirbelsäule ausgehend die inneren Organe regulieren und auf den höheren Stufen, durch Konzentration, Visualisierungen und den Einsatz von Mantras ergänzt, den Geist läutern;
  • Shiba Shi („Stil der achtzehn Bewegungen“), ein modernes, dem medizinischen Qi Gong zuzurechnendes Set von sehr ausgewogenen, fliessend ineinander übergehenden Atem- und Bewegungsübungen, die der Sportmediziner Prof. Lin Hou Sheng z.T. in Anlehnung an Figuren aus dem Yang-Stil-Taiji Quan entwickelt hat;
  • die vierundzwanzig daoistischen Übungen aus dem Trainingsprogramm der Yang-Familie (s. hier ‚Was ist Taiji Quan?‘), eine Abfolge von Aufwärm-, Lockerungs-, Dehnungs- und Atemübungen, die praktisch alle gesundheitlichen Bereiche abdecken und insbesondere Rücken und Gelenke stärken.
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„Stehen wie ein Pfahl“ – hier die dritte Position des Zhan Zhuang nach Meister Chu King Hung

Neben den zahllosen Bewegungsübungen gehört zum Qi Gong auch die wiederum in vielfältigen Variationen verbreitete Stehmeditation Zhan Zhuang („Stehen wie ein Pfahl“). Mit dieser Methode erarbeitet man sich eine korrekte Körperhaltung, kraftvolle Verwurzelung der Füsse, übt sich nicht nur im Entspannen der Muskulatur, sondern auch im inneren Loslassen und erlangt so mit der Zeit einen hohen Energielevel und zugleich einen klaren, ruhigen Geist. Für Menschen, die innere Kampfkünste praktizieren, ist Zhan Zhuang der Königsweg, braucht aber anfangs Geduld und Durchhaltewillen.

Li Zhi Chang, Grossmeister des Stillen Qi Gong

Wenn der Qi-Fluss im Körper nicht durch äussere Bewegungen – einschliesslich der Atemmuskulatur -, sondern nur mental, mit Hilfe der Vorstellungskraft angeregt wird, spricht man von Stillem Qi Gong. Auch hier gibt es zahlreiche Übungen, von denen die meisten aus teilweise uralten daoistischen Meditationspraktiken abgeleitet sind. Deren Ziel war, die Vitalessenz unseres physischen Körpers, das Jing, zu bewahren, um ein langes Leben zu erhalten, es „alchemistisch“ in Qi umzuwandeln und so Shen, den Geist, zu nähren und eine spirituelle Neugeburt zu erlangen. Mein langjähriger daoistischer Lehrer, der chinesische Arzt und Qi Gong-Meister Li Zhi Chang (*1942), hat schon in seiner Jugend diese Methoden teils aus eigener Familientradition, teils durch Unterweisungen von Mönchen des berühmten Weisse-Wolken-Tempels in Beijing wie auch von Lamas tibetisch-buddhistischer Klöster in sich aufgenommen und verband sie später mit seiner Tätigkeit als Akupunkteur und Heiler. Auch in seinem Unterricht hat er uns ihre ganzheitliche, Körper, Geist und Gemüt durchdringende, heilende und transformierende Wirkung immer wieder eindrücklich demonstriert.