Herbst mit Bashô

Matsuo Kinsaku (der erste ist der Familien-, der zweite der Kindesname; späterer Rufname: Munefusa) wurde 1644 als Sohn eines Samurai niederen Ranges in der Nähe von Kyôto geboren und diente in seiner Jugend bei einer Adelsfamilie als Page des Prinzen. Ab 1663 war er Schüler des universal gebildeten Dichters Kitamura Kigin (1624-1705) in Kyôto, dem er bald nach dem frühen Tod seines jungen Dienstherrn nach Edo, dem heutigen Tôkyô, folgte. Als er 1680 das ihm von einem Gönner zur Verfügung gestellte Häuschen im Stadtteil Fukagawa bezog, war er bereits ein arrivierter Literat mit zahlreichen Schülern. Die prächtige Bananenstaude (Musa basjoo, Japanische Faser-Banane) neben seiner Hütte regte ihn dazu an, sich fortan Bashô zu nennen. In dieser Zeit erhielt er Unterweisungen durch den Abt eines in der Nähe gelegenen Zen-Klosters und studierte das Zhuangzi, einen bedeutenden daoistischen Klassiker, sowie die vom Daoismus geprägten grossen Dichter der chinesischen Tang-Dynastie. Diese Einflüsse wirkten sich stark auf sein Schreiben aus; er wandte sich vom vorherrschenden locker-humoristischen Stil ab und strebte in seinen Dichtungen nach Einswerdung des eigenen Selbst mit der Natur. Nachdem 1682 seine Hütte niedergebrannt war und obschon seine Schüler sie ihm wieder aufbauten, begann er in den folgenden Jahren weite Teile Japans zu bereisen – oft zu Fuss, teils allein, teils in Begleitung – und verfasste zahllose Haikai sowie seine berühmten Reisetagebücher. Matsuo Bashô starb im Spätherbst 1694, nachdem er seine letzte Fussreise wegen schwerer Erkrankung hatte abbrechen müssen, in Ôsaka.

Die Übersetzungen stammen von Gerolf Coudenhove (GC), Dietrich Krusche (DK), Jan Ulenbrook (JU) und Udo Wenzel (UW).

 

Niemand wüsste, dass
sie so bald schon sterben muss,
der die Grille hört –

(GC)

Im ersten Herbste
das Meer wie frisches Reisfeld:
ein tiefes Blaugrün.

(JU)

Oh, welch ein Vollmond:
Ich ging um den Weiher fast
die ganze Nacht durch.

(JU)

Am Strassenrand
die Sharonrose,
von meinem Pferd gefressen

(UW)

Nachts, heimlich
im Mondlicht: ein Wurm
durchbohrt eine Kastanie

(UW)

 Auf kahlem Astwerk
liess sich die Krähe nieder:
des Herbstes Abend.

(JU)

Wie der Herbststurm rast!
Fast als wehte er im Wald
selbst den Keiler fort!

(GC)

Morgendämmerung –
durch den trüben Nebeldunst
dringt der Glocke Ton.

(GC)

Tosende See.
Nur die Milchstrasse reicht
zur Insel Sado hinüber.

(DK)

Tiefer Herbst.
Mein Nachbar –
wie mag’s ihm gehn?

(DK)

Der Gott ist fern.
Die welken Blätter häufen sich
ums verlassene Haus.

(DK)

Nach meiner Ansicht
ist auch das Schattenreich solch
ein Spätherbstabend.

(JU)

Vom Wandern schwer krank:
Ein Traum, der dürre Heide
im Kreise durchirrt.

(JU)

Diesen Weg
geht niemand
an diesem Herbstabend.

(DK)