Haiku zum Frühling

Für alle Türen
ist der Dreck der Holzschuhe
der Frühlingsanfang.

Kobayashi Issa

Der Frühlingswind, horch,
läuft durch die Weizenfelder
wie Wasserrauschen.

Mokudô

Du gehst nun fort, ach,
und die Weiden sind so grün
und der Weg so weit.

Taniguchi Buson

Den ganzen Tag durch
wird sie des Singens nicht satt,
die kleine Lerche.

Matsuo Bashô

Die Welt voll Leid, ach,
selbst wenn die Kirschen blühen –
doch wenn schon, denn schon!

Kobayashi Issa

Kleines Spatzenkind,
rasch aus dem Weg, aus dem Weg –
ein Hengst geht doch durch!

Kobayashi Issa

Die Schmetterlinge –
was sie wohl träumen mögen
beim Flügelspreizen?

Fukuda Chiyo-ni

Erwach, erwach doch
und werde mein Gefährte,
verträumter Falter!

Matsuo Bashô

Der Frühling scheidet
in späten Kirschenblüten
mit leisem Zaudern.

Taniguchi Buson

 

Bashô (1644-94), Zen-Mönch, Pilger, überragende Gestalt der Haiku-Dichtkunst, einer der „grossen Vier“. Buson (1716-84), nach dem von ihm verehrten Bashô der zweite der „grossen Vier“, Schüler des Hayano Hajin; auch bedeutender Tuschmaler. Chiyo-ni (1703-75), schrieb bereits als Kind Haiku, Enkelschülerin Bashôs, populäre Dichterin, später Nonne. Issa (1763-1828), in ärmlichen Verhältnissen lebender, leidgeprüfter Familienvater, herausragender Dichter, einer der „grossen Vier“ der Haiku-Tradition. Mokudô (1666-1723), Schüler des Altmeisters Bashô. – Die Übersetzungen stammen von Jan Ulenbrook.