Was ist Taiji Quan ?

Charakteristisch für das altchinesische Kulturgut Taiji Quan (ausgesprochen: tai dschi tschüen; sinngemäss: „die Faust, die mit dem höchsten universalen Prinzip im Einklang ist“) sind langsame, mit dem Atem verbundene, sanft fliessende Bewegungen, die aus dem Repertoire der Kampfkunst stammen und die konzentriert, zugleich aber ganz entspannt ausgeführt werden. Die grossen Meister des Taiji Quan waren und sind auch gegenwärtig noch gefürchtete Kampfkünstler, die weich und geschmeidig agieren und im entscheidenden Moment enorme innere Energien zu mobilisieren vermögen. Doch für viele Menschen im heutigen China und weltweit steht beim Erlernen von Taiji Quan weniger die Selbstverteidigung als vielmehr die Gesundheitspflege sowohl in körperlicher als auch in psychischer und mentaler Hinsicht im Vordergrund. Insofern stellt Taiji Quan eine Spielart des Qi Gong, der chinesischen Atem- und Bewegungstherapie, wie auch eine bewegte Form der Meditation dar.

Regelmässiges Taiji-Üben verbessert die Körperhaltung und festigt das innere wie äussere Gleichgewicht. Es vertieft die Atmung, fördert die Durchblutung, hält Sehnen und Gelenke geschmeidig und trägt zur Gesundheit der inneren Organe bei. Darüber hinaus trainiert es Gedächtniskraft und Konzentrationsfähigkeit und hilft gegen Stress, da es beruhigend und entspannend wirkt und den Übenden „erdet“. Schliesslich ist Taiji Quan als eine hohe Kunst, mit der man sich ein Leben lang beschäftigen und in der man stets noch hinzulernen kann, ein faszinierender Weg der Selbstkultivierung.

Der traditionelle Yang-Stil

Von links nach rechts: Yang Lu Chan – Yang Cheng Fu – Yang Shou Zhong

An unserer Schule wurde Taiji Quan in der authentischen Tradition des Yang-Stils – eines der klassischen Familienstile des alten China – unterrichtet. Dessen Begründer war der aus der Provinz Hebei stammende Yang Lu Chan (1799-1872), der in seiner Jugend bei Meister Chen Chang Xing (1771-1853) den Chen-Stil erlernt und diesen später nach eigenen Vorstellungen umgeformt hatte. Yang Lu Chan genoss in der damaligen Kampfkunstszene höchstes Ansehen („Yang, der Unbesiegbare“); in Beijing gehörten mehrere Offiziere der kaiserlichen Leibgarde zu seinen Schülern. Sein Enkel Yang Cheng Fu (1883-1936) hat wie kein anderer das Taiji Quan als Gesundheitsübung populär gemacht. Er und sein ältester Sohn, Meister Yang Shou Zhong (1910-1985), waren die ersten, die öffentlich unterrichteten und die Geheimnisse der Überlieferung an jeden talentierten und würdigen Schüler unabhängig von Herkunft und sozialer Stellung weitergaben.

Von links nach rechts: Ip Tai Tak – Chu King Hung – Ding Teah Chean (John Ding)

 

Yang Shou Zhong emigrierte nach der Gründung der kommunistischen Volksrepublik ins damals britische Hongkong, wo die von ihm gegründete Schule bis heute besteht, inzwischen unter Leitung seiner Tochter Yang Ma Lee. Seine drei Meisterschüler waren Chu Gin Soon (1933-2019), Chu King Hung (*1945), dessen Privatschüler ich während vieler Jahre sein durfte, und als ältester der drei Ip Tai Tak (1929-2004), dessen umfassendes Wissen mittlerweile von meinem gegenwärtigen Lehrer Meister John Ding (eigentl. Ding Teah Chean) weitergegeben wird. Im „Stammbaum“ der Yang-Familie seit Yang Lu Chan repräsentiert Meister Chu heute die fünfte, Meister Ding die sechste Generation. Neben den Nachfolgern von Yang Shou Zhong berufen sich in der Volksrepublik China auch die Nachkommen von dessen jüngeren Brüdern, die freilich, anders als der Älteste, nicht mehr von Yang Cheng Fu selbst unterrichtet wurden, auf die Familientradition.

Zwei Figuren aus der Yang-Stil-Taiji-Form: Dan Bian („einfache Peitsche“) –
Bai He Liang Chi („Der weisse Kranich breitet die Flügel aus“)

Zentrale Disziplin im Taiji Quan ist stets das Studium einer „Form“, die das gesamte Repertoire an Stössen, Faustschlägen, Kicks, Abwehrstellungen, Ausweichmanövern, Vor- und Rückwärtsschritten, Richtungswechseln etc. beinhaltet, das in den Kampfkünsten Anwendung findet, und zwar in einer längeren, festgelegten Abfolge von langsam und mit höchster Konzentration auszuführenden Bewegungen, die ohne jegliche Stockung fliessend ineinander übergehen. Im Yang-Stil dauert  die Form etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten. Ihre drei Teile symbolisieren in Anlehnung an die daoistische Kosmologie die Erde, den Himmel und den Menschen, der beide verbindet. Die Bewegungen gehen aus der Stille hervor und kehren am Ende in die Stille zurück; sie erstrecken sich in alle acht Himmelsrichtungen und wechseln ständig von Yin (zurückweichend bzw. erdwärts gerichtet, öffnend, aufnehmend) zu Yang (vorwärtsgehend bzw. nach oben gerichtet, schliessend, Energie aussendend). Darin widerspiegeln sie jene grundlegenden, von Polaritäten, Rhythmen, zyklischen Verläufen bestimmten Gesetze, auf denen der Wandel allen Lebens im Universum beruht. Insofern ist Taiji, wenn es in einer meditativen Haltung praktiziert wird, weit mehr als ein softes Kampfkunsttraining oder eine exotische Art Gymnastik!   

Begleitet wird die Formarbeit von anfänglich strukturierten, später auch freien Partnerübungen wie Tui Shou („schiebende Hände“, Push-hands), in denen die Lernenden in spielerischer Form ihr wachsendes Verständnis der Kampfkunstaspekte erproben und anwenden können, und von Qi Gong-Methoden zur Entspannung und Lockerung, zur Schulung  der Achtsamkeit und um den Atem zu trainieren und „innere Kraft“ zu entwickeln. Für letzteres stellt insbesondere das Zhan Zhuang (ausgesprochen: dschan dschwong; Stehmeditation mit wechselnden Armpositionen) einen zwar herausfordernden, aber lohnenden Übungsweg dar.

Feng Huang Zhan Chi („Der Phönix breitet die Flügel aus“) aus der Yang-Stil-Schwertform

Wie in anderen Taiji-Stilen wird auch in der Yang-Tradition neben der Faust mit Waffen wie Schwert, Säbel, Stock und Speer trainiert. An unserer Schule habe ich während Jahren die Yang-Taiji-Schwertform und Grundlagen der Schwert-Kampfkunst unterrichtet.