Uralte Weisheit: Das Yi Jing

In allen alten Kulturen entwickelten die Menschen Praktiken, um das Schicksal, den Willen der Götter zu ergründen und sich auf zukünftiges Geschehen vorbereiten zu können. Zeugnis eines der ältesten und ehrwürdigsten Verfahren zur Divination (Weissagung; von lat. divinum, „das Göttliche“) ist das Yi Jing (in geläufigerer Transkription I Ging, „Buch der Wandlungen“), für die Chinesen seit Jahrtausenden – wie für uns Abendländer die Bibel – das „Buch der Bücher“. Das Textkorpus in seiner bis heute überlieferten Gestalt soll etwa auf die Zeit des Kongzi (Konfuzius, 5. Jh. v.Chr.) zurückgehen, der manchen sogar als Verfasser, zumindest als Anreger der zahlreichen darin enthaltenen Kommentare und Erläuterungen gilt. Wesentlich älter ist der nur etwa viertausend Schriftzeichen umfassende Urtext, der traditionell dem König Wen und seinem Sohn, dem Herzog von Zhou (11. Jh. v.Chr.), zugeschrieben wird und seinerseits auf noch früheren Quellen basiert.

Das Yi Jing enthält Anleitungen für ein rituelles Zählorakel mit Schafgarbenstängeln (Achillea millefolium), mithilfe dessen man auf eine gestellte Frage je nach Ergebnis des in sechs Schritten erfolgenden Zählvorgangs eines von vierundsechzig Hexagrammen als Antwort erhält. Dies sind abstrakte, aus jeweils sechs übereinander angeordneten waagrechten Strichen bestehende Zeichen, welche der Idee nach je eine Grundsituation im sich stets wandelnden Lebensprozess symbolisieren. Alles im Universum folgt ja gemäss altchinesischer Anschauung in seiner Unbeständigkeit, hinter welcher gleichwohl ewige Gesetze wirken, dem Wechselspiel von Yin und Yang. Diese beiden Urkräfte werden in den Hexagrammen durch unterbrochene – – (Yin) bzw. durchgezogene Striche — (Yang) dargestellt.

Ursprünglich wurde wohl so orakelt, dass man die Schafgarbenstängel nur dreimal in bestimmter Weise durchzählte und das jeweilige Resultat mit Yin (gerade Zahl) oder Yang (ungerade Zahl) gleichsetzte. So ergab sich eines von acht Trigrammen (aus drei Yin- und Yang-Strichen unterschiedlich aufgebaute Zeichen), welche elementaren Naturphänomenen bzw. Wirkkräften zugeordnet wurden mit der Vorstellung, das in der Befragung ermittelte Trigramm repräsentiere die in der konkreten Situation gerade vorherrschende kosmische Energie. Diese acht sind:

     Qian („Himmel“, „das Schöpferische“, zeugend, mächtig, stark)

     Kun („Erde“, „das Empfangende“, tragend, hingebend, nachgiebig)

     Zhen („Donner“, „das Erregende“, erschütternd, dynamisch, heftig)

     Xun („Wind“, „das Eindringende“, einwirkend, flexibel, sanft)

     Kan („Wasser“, „das Abgründige“, gefahrvoll, geheimnisvoll, dunkel)

     Li („Feuer“, „das Haftende“, klärend, bewusst, hell)

     Gen („Berg“, „das Stillehalten“, zurückhaltend, still, introvertiert)

     Dui („See“, „das Heitere“, anregend, fröhlich, extravertiert)

Die Tradition führt die Ba Gua („acht Zeichen“), in denen man unschwer vier archetypische Gegensatzpaare erkennen kann, auf den mythischen Urkaiser Fu Xi zurück, dem sie beim Meditieren über Himmel und Erde eingegeben worden seien. Ihre Kombination zu den vierundsechzig Hexagrammen, die das kosmologische Modell des Yi Jing von den Urkräften der Wandlungen zu den Modellsituationen der Lebensvielfalt ausdifferenzierte, erfolgte wohl im Verlauf des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Und König Wen und der Herzog von Zhou waren es dann, die für jedes Hexagramm und seine jeweilige Strichkombination, d.h. Yin-Yang-Dynamik, grundlegende Hinweise zur Deutung in Form eines „Urteils“ und sechs knapper „Strichworte“ vorlegten.

War das Yi Jing für die Zhou-Könige noch vor allem ein Orakelbuch, das der Vergewisserung über die Angemessenheit und Erfolgsträchtigkeit des eigenen herrscherlichen Handelns vor dem Hintergrund unablässig wechselnder kosmischer Konstellationen diente, so wurde es seit seiner Entdeckung durch die Jünger Kongzis und durch die nach und nach anwachsende Kommentarliteratur aus konfuzianischer, daoistischer und später auch buddhistischer Sicht immer mehr zu einem Weisheitsbuch und einem Leitfaden für eine aus Einsicht in höhere Gesetzmässigkeiten resultierende Lebensgestaltung, für die Selbstkultivierung des „Edlen“.

Das Studium des Yi Jing dient zweierlei: der Weissagung und der inneren Kultivierung. Letztere ist der eigentliche, höhere Zweck.

(Liu Chun Tsu, Yi Jing-Meister aus Taiwan, an einem Seminar in München 2011)

Abschliessend ein Beispiel, das hier freilich nur oberflächlich erläutert werden kann:

Jemand befragt zu einem sich stellenden Problem das Yi Jing (keine Entscheidungsfrage à la „Soll ich…?“, sondern z.B. „Womit muss ich rechnen, wenn ich…?“). Das Teilen und Durchzählen der Stäbe ergibt stets eine Zahl zwischen 6 und 9; nehmen wir an, dass sich in diesem Falle folgende Resultate ergeben haben: 7 (ungerade = Yang) für die unterste, jeweils 8 (gerade = Yin) für die zweite, die dritte und die vierte Linie, 9 (Yang) für die fünfte und nochmals 8 (Yin) für die oberste Linie. Damit erhält der Fragende das Hexagramm  

Nr. 3 Zhun, „die Anfangsschwierigkeit“

Es baut sich auf aus dem unteren Trigramm Zhen („das Erregende“, der Donner) und dem oberen Trigramm Kan („das Abgründige“, das Wasser). Unten (bzw. innen) also ein starker Impuls, etwas energisch Hervordrängendes, symbolisiert durch den Yang-Strich zuunterst; oben (bzw. aussen) eine Gefahr oder zumindest eine Schwierigkeit, die vorerst Grenzen setzt – das Wasser scheint sanft und weich und vermag doch den härtesten Stein zu durchdringen, wie im Trigramm Kan der Yang- zwischen den beiden Yin-Strichen veranschaulicht. Man kann auch das Hexagramm als Ganzes bildlich auffassen: Ein Gewitter tobt sich aus – doch es wird abziehen und die Atmosphäre gereinigt und die Erde getränkt zurücklassen. Entsprechend positiv lautet das „Urteil“ zu diesem Hexagramm in der formelhaft-archaischen Sprache des Königs Wen:

Die Anfangsschwierigkeit wirkt erhabenes Gelingen.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Man soll nichts unternehmen.
Fördernd ist es, Gehilfen einzusetzen.
(Zit. nach: I Ging. Das Buch der Wandlungen. Aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm. Köln: Anaconda, 2007)

Beharrlichkeit bei einem Projekt zahlt sich also ebenso aus wie Kooperation. Anfangsschwierigkeiten sind  kein Grund aufzugeben, gehören vielmehr – wie eine Prüfung – zur Sache selbst. Doch es lohnt sich, diese Sache nicht in sturer Weise durchboxen zu wollen, und schon gar nicht im Alleingang.

Nun kann man aber noch weiter in die Tiefe gehen. Es macht einen Unterschied, ob bei den Zählresultaten eine 6 oder eine 8 zu einem Yin-Strich geführt hat. Die 6 steht für ein „altes“ Yin, das bereit ist, in Yang überzugehen, die 8 für ein „junges“, stabiles Yin. In unserem Beispiel sind alle Yin-Striche stabil. Bei den Yang-Strichen hatte die befragende Person für die unterste Linie eine 7 erhalten, die für „junges“, stabiles Yang steht, für die fünfte Linie aber eine 9. Hier haben wir es mit dem Wert für „altes“, im Übergang zu Yin begriffenes Yang zu tun, mit einer sog. Wandlungslinie. Solchen kommt bei der Deutung einer Yi Jing-Legung besondere Aufmerksamkeit zu – in zweierlei Hinsicht:

  1. gibt der Urtext zu den Wandlungslinien besondere Hinweise in den allerdings oft recht kryptischen „Strichworten“ des Herzogs von Zhou. Im vorliegenden Fall – Hexagramm Nr. 3, Neun auf fünftem Platz – lautet der Spruch:

    In einer schwierigen Lage sind die Segnungen spärlich; ein wenig Beharrlichkeit bringt Glück, viel Beharrlichkeit bringt Unglück.
    (Zit. nach: I Ging. Das Buch der Wandlungen. Herausgegeben von Thomas Cleary, aus dem Amerikanischen von Ingrid Fischer-Schreiber. Zürich: Diogenes, 2018)

  2. lässt sich der Lebensprozess, in den das in Frage stehende Problem eingebettet ist, besser verstehen, wenn man auch das in der gegenwärtigen Situation noch Verborgene erkennt. Hier ist es der fünfte Strich, der sich anschickt, von Yang in Yin überzugehen. Am Horizont taucht also ein neues, ein sog. Wandlungs-Hexagramm auf, in diesem Falle

 

Nr. 24 Fu, „die Wiederkehr“

Unten haben wir nach wie vor das Trigramm Zhen – oben indes Kun („das Empfangende“, die Erde). Der Donner, die junge, frühlingshafte, eruptive Vitalkraft, ist (noch!) ganz in der winterlichen Erde verborgen. Zum Verständnis dieses Zeichens ist es hilfreich zu bedenken, dass Yang u.a. für Licht und Wärme, Yin für Dunkel und Kälte steht. Mit der „Wiederkehr“ ist auf kosmischer Ebene die Wiederkehr des Lichts in der Zeit der Wintersonnwende gemeint: Von unten her dringt ein erster Yang-Strahl in die durch fünf Yin-Striche symbolisierte Dunkelheit ein; weitere werden folgen. – Im Anschluss an die „Anfangsschwierigkeit“ ist die „Wiederkehr“ als Ermutigung zu verstehen, seine Absichten trotz zunächst „spärlicher Segnungen“ nicht verbissen, nicht mit zuviel, doch mit „ein wenig Beharrlichkeit“ (s.o.) weiter zu verfolgen und auf den Zuwachs neuer Kräfte zu vertrauen. Mit den Worten des Königs Wen im „Urteil“ zu Nr. 24:

Die Wiederkehr: Gelingen. Ausgang und Eingang ohne Fehl. Freunde kommen ohne Makel. Hin und her geht der Weg.
(Zitiert nach der Übersetzung von Richard Wilhelm, s.o.)